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Alt 27.04.2019, 13:30   #13
dipol-audio
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dipol-audio befindet sich auf einem aufstrebenden Ast
Standard AW: Gehäuseverstrebungen "zu eng/unoptimal" ?

@Lukas

Du hast Dein Gehäuse ja bereits weggegeben, daher das Folgende auch nur als Nachtrag ...

  • Gehäuse für "echte" Subwoofer (sagen wir mal für Übernahmefrequenzen unter ca. 120Hz) sind die einzigen Gehäuse, die man allein mit Steifigkeit frei von Eigenfrequenzen (der Gehäusewände / Platten) im Übertragungsbereich halten kann.
  • Die Biegesteifigkeit von Wänden wächst etwa quadratisch mit der Wandstärke
  • Für kompakte Gehäuse (nicht allzu zu weit weg von "Würfelform", nicht wesentlich über 30 Liter Volumen) bekommt man es selbst mit MDF um 20mm Stärke bereits hin, die niedrigsten Eigenfrequenzen deutlich oberhalb des Übertragungsbereiches zu legen (ich habe da schon einige Gehäuse mit einem Gummihammer abgeklopft und Spektren gemessen).
  • Versteifungsstege werden von ihrer Wirkung m.E. sehr oft überschätzt, je nach Aufbau bringen sie neben Steifigkeit auch deutlich Masse mit, d.h. sie "treiben" die Eigenfrequenzen oft nicht in dem Maße im Frequenzbereich hinauf, wie man sich das erhoffen würde.
  • Wird das Gehäuse größer (oder entfernt sich als "Flachbox" zu weit von einer üblichen Quaderform), dann ist es oft einfacher, die Wandstärke insgesamt zu erhöhen, anstatt sich mit Versteifungen zu sehr zu "verkünsteln" ...
  • Meist ist die "Schallwand" die kritischtste Wand, weil die das Basschassis trägt: Je nach Aufbau von Magnet und Korb kann das ein ziemlicher "Masseklotz" sein, der fest mit der Wand verbunden ist. Ausserdem wird die Schallwand direkt mechanisch vom Chassis angeregt. Es ist oft sinnvoll, gerade diese Wand von der Fläche her klein zu halten (das macht sie steifer bei gleicher Wandstärke) oder zuerst für diese Wand eine höhere Wandstärke vorzusehen. (Allerdings muss dann darauf geachtet werden, daß die Korbfenster des Chassis nach hinten/innen nicht übermäßig versperrt werden, dazu z.B. Schallwandöffnung nach innen konisch ausarbeiten.)
  • Bei Gehäusen, welche keine reinen Subwoofer sind und ggf. bis in den oberen Bass bzw. unteren Mittelton übertragen, ist eine übertriebene Steifigkeit der Wände allein eher kontraproduktiv. Hier ist es sinnvoller, auf eine hinreichende Eigendämfpung der Wände zu achten (in Frage kommen z.B. flächige Bitumenauflagen, Fugendämpfung, ...), denn man kann Eigenfrequenzen im Übertragungsbereich dann ohnehin kaum vermeiden. Ein spürbares "mitbewegen" der Wände im Bass bei einem eher dünnwandigen aber hochbedämpften Gehäuse ist weniger "schlimm", als unerwünschte Schallabstrahlung über die Gehäusewände z.B. im unteren Mittelton: Das geschieht jedoch eher mit in Relation (zu) steifen aber unterbedämpften Gehäusewänden.


Dies hier habe ich dazu schon öfter mal verlinkt:

H.D. Harwood, R. Matthews, "Factors in the design of loudspeaker cabinets"

Ein Download ist von hier möglich: http://www.bbc.co.uk/rd/publications/rdreport_1977_03


Das ist eine seriöse und zugleich sehr praxisorientierte Studie der BBC zu Lautsprechergehäusen, deren Aufbau und Materialwahl.

Es hat sich an den dortigen Ergebnissen und Aussagen m.E. bis heute nichts geändert, evt. sind inzwischen weitere Materialien verfügbar, die ebenfalls in Frage kommen, um die Eigendämpfung von Gehäusewänden / Platten zu erhöhen.

Für ein akustisch "einwandfreies" Gehäuse (hinsichtlich Eigenschwingungen der Wände und unerwünschter Schallabstrahlung nach aussen) braucht es jedenfalls weder "Wundermaterialien" noch besonders repräsentative Materialien.

Es müssen vielmehr
  • Übertragungsbereich des Gehäuses
  • Bauform und
  • Materialkombination
zusammenpassen. Wird hier ein wenig Aufmerksamkeit investiert, kann man zu sehr guten Ergebnissen kommen.
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Grüße aus Reinheim, Oliver Mertineit

Geändert von dipol-audio (27.04.2019 um 14:41 Uhr).
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