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Alt 22.07.2016, 15:02   #175
dipol-audio
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Standard AW: Wer hört wirklich "Stereo"?

Zitat:
Zitat von ruedi01 Beitrag anzeigen
Ich könnte mir auch gut vorstellen, dass Wandreflexionen verringert werden wenn die LS von den Wänden weg in die Mitte des Raumes zum Hörplatz ausgerichtet sind.

Gruß

RD


Hallo Ruedi,

da die meisten LS vom Tiefton bis in den unteren Mittelton - z.B. bei einem typischen kompakten 2-Wege System - keine nennenswerte Richtwirkung haben, ist für diese tiefen Frequenzen primär der Wandabstand (die Position des LS) entscheidend und eine Ausrichtung nicht von großer Bedeutung.

Wandreflexionen können allein durch Ausrichtung des LS nur in denjenigen Frequenzbereichen beeinflusst oder gemindert werden, in denen der LS tatsächlich auch eine nennenswerte Richtwirkung hat.

Für "übliche" Mehrwegesysteme (2-3 Wege, keine Richtwirkung im Tiefton, keine Maßnahmen zur "Verstetigung" des Rundstrahlverhaltens, ...) ist eine starke spektrale Färbung der Reflexionen aus dem Raum vorgezeichnet, denn es dominieren typischerweise

  • Tiefton und unterer Mittelton (sie tragen damit zu einer "dumpfen" und "verdeckenden" Qualität des Raumanteils bei)
  • Hochtonanteile (unterer bis mittlerer Hochton) oberhalb der Übernahmefrequenzen z.B. von Kalottenhochtönern, weil dort auch das Hochtonsystem noch ein geringes Bündelungsmaß zeigt. (Ein solcher relativer Energieüberschuss z.B. im Bereich oberhalb 2-3Khz durch oft abrupte Aufweitung der Abstrahlung gegenüber dem Mittelton kann "scharf" oder "aufdringlich" je nach Raum und Setup klingen und macht dann das Erleben eines "runden" Mitteltons darunter z.B. bei Streichern und Gesang oft unmöglich, ebenso kann der obere Hochton nicht mehr angemessen zur Geltung kommen.)

Diese Grundfehler lassen sich sich durch "Ausrichten" der LS allein kaum beseitigen, wenn sie auftauchen, aber man kann sie dafür durch Nicht-Ausrichten leicht noch schlimmer machen:

Es ist z.B. bei einem 2-Wege System kaum akzeptabel, wenn etwa der oft mit deutlicher Richtwirkung vom Tief-/Mitteltöner abgestrahlte Präsenzbereich (oberer Mittelton bis beginnender Hochton) bereits im Direktschall "unterbelichtet" ist, weil das meiste (zu sehr) "am Hörer vorbei" geht (Ahnliches gilt dann meist für den obersten Hochton).

Grundsätzlich kann ein stärkeres Einwinkeln dazu beitragen, daß in den Frequenzbereichen mit deutlicherer Richtwirkung (beim "üblichen" 2-Wege Beispiel oberer Mittelton und oberster Hochton), etwas mehr Reflexionen auch von der jeweils dem LS gegenüberliegenden Seite des Raums kommen ("kontralaterale" Reflexionen).

Diese tragen durch seitlichere Einfallswinkel auf den Hörplatz (je nach Raumsituation, hier Stereodreieick in einem "Quaderraum" angenommen) zum Räumlichkeitsempfinden bei, wirken jedoch u.a. durch eine stärkere Verzögerung zum Direktschall nicht so abträglich auf Lokalisationsschärfe und Detailauflösung wie Reflexionen von der gleichen Seite des LS ("ipsilaterale" Reflexionen). Das gilt besonders dann, wenn die Wandabstände für die ipsilateralen Reflexionen zu knapp bemessen sind (Reflexionen dann zu früh und im Pegel zu hoch).

Ein Ausbalancieren von ipsilateralen und kontralateralen Reflexionen aus dem Raum (durch Positionierung und Ausrichtung der LS) bei gleichzeitig gewünschtem moderatem Pegel und spektraler Ausgewogenheit der Reflexionen, ist nur mit solchen LS möglich, die breitbandig (d.h. beginnend mit dem Tiefton und unteren Mittelton) über ein gleichmäßiges Rundstrahlverhalten verfügen (*).

Für alle anderen LS ist die Lautsprecher-/Raum Interaktion ein "russisches Roulette" und im Fall unbefriedigender Ergebnisse - die alles andere als selten sind, denn das erlebe ich immer wieder - müsste der Raum dann (durch akustische Maßnahmen) zum "Reparaturbetrieb" für ungeeignete LS umfunktioniert werden ...

Da die meisten Hörer dies jedoch ausdrücklich (**) nicht wünschen, und den Raum daher im Großen und Ganzen so lassen wie er ist, bleibt alles beim Alten und man begnügt sich evt. mit ein paar elektronischen Korrekturen, die jedoch bestenfalls auch nur Teilaspekte ungünstiger LS-/Raum Interaktion (vor allem im Tiefton) für bestimmte Hörplätze abmildern können.


Damit ist dann oft "das Gewissen beruhigt" und man kann sich z.B. wieder "Kabel- und Verstärkerklang" oder "AD/DA Wandlertuning" oder (...) widmen, denn das ist einfacher ( ;) ), auch wenn dadurch klanglich an den entscheidenden Aspekten nichts (in Worten: NULL) zu holen ist (***).



______________

(*) Dominante Deckenreflexionen sollten ebenfalls vermieden werden, was mit geeigneter Richtwirkung der LS ebenso unterstützt werden kann.


(**) Das für viele Hörer so, wenn der Hörraum auch ein Wohnraum ist.


(***) Es sei denn, man hatte zuvor wirkliche Schwächen, Fehler oder sogar Defekte in seinem Setup.
__________________
Grüße aus Reinheim, Oliver Mertineit

Gewerblicher Teilnehmer

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Nihil sine causa




Geändert von dipol-audio (22.07.2016 um 16:05 Uhr).
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